„[...] keine Macht, die sich ohne eine Reihe von Absichten und Zielsetzungen entfaltet.“ (M.Foucault)

Interview EQUINOX 2003.
CO: Jürgen Eckloff, René Lam &, Robert Schalinski.


Das Arbeiten von Column One ist durch das Einbinden verschiedener Personen um den Kern R. Schalinski und R. Lamp gekennzeichnet. Wer war außer euch beiden an der jüngsten Veröffentlichung beteiligt?
Wir arbeiten zeitgleich an verschiedenen Projekten. So ergibt es sich, dass die involvierten Personen verschieden intensiv in Teile des Ganzen integriert sind. Die Medien, in denen wir arbeiten, sind sehr verschieden, so dass sich der Prozess wie das Zusammenfügen verschiedener Teile zu einem Gesamtbild gestaltet. Der Kern besteht im Moment aus 4-5 Leuten ... Rene Lamp, Andrew Loadman, Jürgen Eckloff, Tom Platt & Robert Schalinski... noch dabei sind Marc Wannabe, Mimetic, Wojcek Czern, Urk Giten, Stea Andreasson, Luc de Wihl etc..

Wenn man sich die Liste eurer outputs anschaut, fällt auf, dass ihr bis zu „World Transmission 3&4“ auf verschiedenen Labels veröffentlicht habt. Seit der CD „Electric Pleasure“ veröffentlicht ihr nur noch 99%Wasser. In einem früheren Interview gabt ihr an, dass 99%Wasser zunächst nur eine Plattform für die Sammlung und Archivierung von Information sei. Dazu folgende 2 Fragen: Habt ihr auf 99%Wasser eure „Veröffentlichungsheimat“ gefunden? Und inwiefern könnt ihr eure Arbeit mit Column One von dieser Informationsammlung/- archivierung trennen (vorausgesetzt, dass das überhaupt gewollt ist)
Nach wie vor: 90%. Diese magische Linie wird zunächst nicht überschritten. Column-One-Veröffentlichungen der nächsten Zeit werden vor allem bei 90%WASSER erscheinen, da 90%WASSER ein ideales Vehikel für unsere Aktivitäten geworden ist. Dies liegt vordergründig daran, dass dieses Label (wenn man es so nennen will) direkt an die veröffentlichenden Künstler gebunden ist & somit eine weitere (Zwischen-)Intention, die des Labelbetreibers, ausgeschlossen wird. Das ist für unseren Arbeitsprozess nicht unwichtig, da wir unsere Veröffentlichungen komplett selbst gestalten. (Klingt normal – ist jedoch eher die Ausnahme.) Ein nicht unwesentlicher Aspekt bleibt natürlich auch, dass 100% des Gewinns an die Künstler gehen & sich so Wege des Überlebens eröffnen. Hier und da werden sicherlich auch anderswo Platten & Dinge ihr Erscheinen erleben. So wird in absehbarer Zeit (ca. Herbst 2003) die „Dream Time“ Doppel-LP bei Stateart erscheinen.
Zur zweiten Frage.... Da Column One und 90% Wasser personell nur schwer zu umreißen sind und die involvierten Personen hin und her schwimmen, vermengen sich auch die Tätigkeiten/Orientierungen/Tendenzen. Aus der Nähe zwischen den Ideen/Überlegungen/Komplikationen von Column One und 90%Wasser entstand zudem die Idee einer engeren Zusammenarbeit & Verknüpfung bestimmter Bereiche. Formal wird die Informationsarchivierung von einem getrennten Bereich organisiert, der sich als einziger Teil nicht in Berlin sondern in Chemnitz befindet. Auch das German Archive hat vermehrt Interesse an unserem Konzept gezeigt. So spannt sich das Feld von diversen Privatarchiven bis hin zu leicht verstaubten Institutionen. Es bleibt interessant.

Informationen nehmen in unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle ein. Man spricht ja auch von Informationsgesellschaft. Als roter Faden in eurer Arbeit durchzieht sich die Beschäftigung mit Information und die Wahrnehmung dieser. Das Max-Planck-Institut hat in einer Studie herausgefunden, dass pro Tag auf jeden Menschen ca. 180000 Informationen einströmen, wovon er nur maximal 80000 verarbeiten kann. Ein Großteil dieser 80000 Informationen wird unbewusst wahrgenommen. Spielt diese unbewusste Wahrnehmung in eurer Arbeit eine Rolle und wenn ja welche?
(Konkret etwas zur genannten Studie des Max-Planck-Institutes zu sagen, fällt schwer; da müsste man etwas mehr über selbige wissen.)
Die Unterscheidung zwischen bewusst & unbewusst versuchen wir als Grundlage einer Beobachtung generell auszuschließen. Diese Trennung ist für uns ein Kontroll- & Vereinfachungskonstrukt (bestenfalls zur Vereinfachung von Kommunikationsprozessen geeignet), durch das sich der Mensch definiert um in (s)einem Effektivitätstraum & der weiteren “Menschwerdung” fortzufahren. Diese Betäubung & Verengung, auch in Bezug auf die 180000 zu verarbeitenden Informationen, ist der Real-Zustand, die menschliche Selbstdefinition geworden/geblieben & vermittelt das Gefühl einer wachsenden Komplexität. Diese wahrgenommene Komplexität ist ein inneres Konstrukt & umschreibt die Sehnsucht nach einem Standort “Mensch”. Einem sich selbst reflektierenden Nicht-Tier.
Beschrieben wird dieser Zustand nicht erst seit der “Informationsgesellschaft”.
“Die unglaublich Zahl an Informationen, die den täglichen Weg säumen, scheinen wir oft nicht zu bewältigen. Eine unglaubliche Welle an Reizen stürzt über dem Einzelnen zusammen; die perzeptiven Zentren werden förmlich zugeschissen. Die Sinne des Menschen für sich und seine Umgebung werden zerstört. Ein punktuelles Hinterfragen wird unmöglich, denn die permanente Flut blockiert die Unterscheidungsfähigkeiten, die wir haben. “ (Reinhard Steg, 90%WASSER, 1993)
Was uns in unserer Arbeit interessiert, ist nicht die Quantität oder Qualität von zirkulierender Information, es ist vielmehr die Beziehung, die wir zu bestimmten Informationen eingehen & die wir zu anderen Informationen nicht eingehen. Die Intention, die dahinter liegt, Dinge Information werden zu lassen. Entscheiden wir selbst, was Information ist? …oder tut das jemand für uns? …ist es die Studie, die uns 180000 Informationen pro Tag aufdrückt oder das Sozialamt?
Wir würden behaupten, es gab nie weniger Informationen & es wird nie mehr Informationen geben als heute – das Wesen Mensch, das seine Position verschiebt, hat sich die Informationsgesellschaft erdacht, um seiner Selbstdefinition gerecht zu werden. Wir sitzen in einem Zug & erklären, der Bahnhof würde uns davonfahren…& wer zweifelt, der sollte nur aus dem Fenster schauen.
“In den urbanen Kulturen der westlichen Industrienationen ist seit der Expansion der Großstädte die Verflechtung von urbanen Zeichen und materiellen Realitäten immer weiter vorangeschritten. >>Urbanität bedeutet heute eine beständige Durchdringung von Architektur und Semiotik. Man bewohnt nicht mehr nur Hauswelten, sondern auch Zeichenwelten.<< Die Materialität von Beschilderung jeglicher Art, Plakatwänden, Leuchtreklame sind integraler Bestandteil der Kommunikationsprozesse im urbanen öffentlichen Raum geworden. Durch die Reizsteigerung für die dieser semiotische Hintergrund sorgt, hat sich die Wahrnehmungsschwelle der Bewohner deutlich nach oben verschoben. Die entropische Gleichverteilung der Elemente im quasi geschlossenen System Stadt taugt zumindest als Metapher für das Chaos der Oberflächensignale.”
(Methods to Survive net. / A. Picicci - “Noise Culture”)

Ein weiterer Schwerpunkt eurer Arbeit liegt auf der Nutzung der cut-up-Technik. Ist die Annahme richtig, dass damit ein „herkömmliches“ Konsumieren von Information unterbrochen werden soll und inwiefern glaubt ihr, ist die Informationsaufnahme kulturell geregelt?

Cut-up als Werkzeug kann dazu benutzt werden, das „herkömmliche“ Konsumieren zu beeinflussen ... im günstigen Fall jedoch verhindert sie die Konsumierbarkeit von Materialien (auch Informationen) vollständig. Cut-up als umfassende, von einer Vorauswahl der Grundmaterialien losgelösten Technik, entspricht der menschlichen Wahrnehmung unseres Erachtens nach so genau, dass Produkte & Resultate dieser Technik direkt & auf ungeschützte Weise in unsere inneren Strukturen eingreifen & sie verändern können. Cut-up im ursprünglichen Sinn des Wortes wurde jedoch wenig, oder nur in abgeschlossenen Bereichen angewandt. Menschen wie Gysin & Burroughs gaben Theorien & Beispiele dieser Technik ab – in konsequenter Form arbeiteten sie mit dieser Technik wohl nur im privaten Rahmen. Würde man an den Anfang einer Cut-up-Demonstration eine zufällige Auswahlmethode der Materialien, Symbole & Medien stellen & den Raum vollständig auf diese Komponenten begrenzen ...wäre die Wirkung nicht zu kalkulieren. Versuche hierzu findet man vielleicht in Aktionen einiger Performance-Künstler ...doch auch diese bleiben als solches erkennbar.
So haben auch wir in unserer Arbeit bislang nur peripher mit Cut-up-Techniken experimentiert & formale Tore geöffnet. Es bleibt eine große Herausforderung.

Würdet ihr Information jeglicher Art mit Wissen gleichsetzen? Wir fragen das deshalb, weil nach Foucault „Wissen ein Element von Macht“ ist und somit Information ein Machtelement darstellen würde.
„[...] keine Macht, die sich ohne eine Reihe von Absichten und Zielsetzungen entfaltet.“ [M.Foucault – „Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit 1“]
Ein ganz wichtiger Punkt, ohne den Macht nicht zu beschreiben wäre, ist die Ohn-Macht. Die Nicht-Mächtigen, die Ohn-Mächtigen, diejenigen, die sich permanent ohne Einfluss, ohne die Möglichkeit der Veränderung wähnen und deren Position gesellschaftlich so festgeschrieben scheint, bilden das Negativ von dem sich die Macht als Positiv abzuheben scheint. In dieser Situation orientieren sich die Ohn-Mächtigen an den Machtsymboliken & Strukturen & werden dadurch in dieses geschlossene System integriert. Eine Symbiose. Somit scheint Information weniger ein Machtelement denn ein strukturierendes Element zu sein.
Wo wir schon bei Foucault sind: eine Gleichsetzung von Information und Wissen scheint unangebracht. Die durch Diskurse (welcher Art auch immer) zusammengetragenen und dadurch oft erst entstehenden Informationen, werden in ein System der disziplinierten Betrachtung gezwängt. Innerhalb dieser Systeme des WISSENs existiert eine Idee dessen, was es zu wissen gilt, zu deren Untermauerung die Informationen eingesetzt und verstümmelt werden. WISSEN (als Resultat vor allem WISSENschaftlicher Erkenntnis) diktiert die Möglichkeiten der Wahrnehmung zugelassener Informationen. Informationen werden in Sinnzusammenhänge gebunden und somit dem freien Umgang entzogen.
Die subjektive Auswahl an Informationen, die Form, die Art & Weise wie diese Informationen wahrgenommen werden, wird verstellt und dem Einfluss des Subjekts entzogen. So entsteht eine scheinbare Ebene der Macht, die über allem unantastbar schwebt, alles durchdringt und Objektivität generiert. Dieser Schein schafft den oben kurz beschriebenen Zustand der Ohn-Macht.
Interessant dazu sicherlich „Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen“ von Michel Foucault, in dem auch das Entstehen des Glaubens an die Repression ausführlich beschrieben wird.

Betrachtet man eure Veröffentlichungen im Laufe der Zeit fällt die große Bandbreite eurer Tonträger auf. Würdet ihr sagen, dass dies eine organische Entwicklung war und haben die „Stilveränderungen“ das Publikum „gefressen“?
Diese Entwicklung war organisch, aber nicht auf direktem Wege. Die Wahl einer passenden Form, war für uns & unsere Ideen immer ein konkret zu gestaltender Teil im Gesamtkonzept. Die Form ist eine Hülle, ein Kommunikationsapparat an dem man manipulieren & drehen kann ... & der sehr konkrete Resultate & Reaktionen hervorbringt. Interessant war für uns zu verfolgen wie direkt oder indirekt die formale Symbolik mit der inneren Sprache, mit der wahrgenommenen „Aussage“ unserer Veröffentlichungen verbunden wurde.
Einige Veröffentlichungsreihen sollten einen organischen Verlauf simulieren, wogegen andere Veröffentlichungen zur Dekonstruktion der organischen Struktur konzipiert wurden. Es ist ein cut-up... den sicher viele als Ganzes nicht „fressen“ woll(t)en.
Ein „organisches“ Bild hat sich über die Jahre dann doch geformt, auch wenn das Bild schnell zerbricht...
...unser Publikum hat sich viel & oft verändert... & doch hat sich ein gewisses Zentrum entwickelt, Menschen von denen wir uns durchaus verstanden fühlen. (Natürlich wäre verkaufspolitisch eine klare Strategie/Form oder wie man es auch immer nennen will, effektiver gewesen – dies kommt im nächsten Leben.)

Bei euren jüngsten Veröffentlichungen nehmen Hochfrequenzen, Rauschen, Knacken, Interferenzen und Rückkopplungen einen immer größeren Raum ein. Würdet ihr dies bestätigen?
Teilweise.

Die angesprochenen Elemente könnten auch als „Fehler“ bezeichnet werden. Welche Rolle spielt der „Fehler“ bei euren Aufnahmen?
“Fehler” ist ein dehnbarer Begriff & in dem Moment wo man beginnt ihn in irgendeiner Form zu nutzen oder zu fördern, ändert er seine Eigenschaften & verschwindet. Auf diesem Wege sind Fehler wieder & wieder aus unserem Arbeitsprozess verschwunden – spurlos. Leider! Fehler sind flüchtige Erscheinungen & in der Kunst unserer Tage fast völlig ausgestorben, kaum glaubt man einen Fehler ergattert zu haben, da entpuppt er sich schon als genialer Break oder als weitere Assoziationsebene.
Der Fehler wurde kolonialisiert & wohnt nun nebenan – 2 Eingänge weiter. So könnte man schreiben: “… dass die Störung nicht nur für die Aufrechterhaltung von Ordnung konstitutiv ist, sondern auch auf das Innovationspotential der Irritation aufmerksam macht, wie man es zum Beispiel in Form von Lärmelementen in der Musik oder signifikatfreien Neologismen der Literatur vorfinden kann. Nicht nur hat der Parasit ein Interesse am Weiterbestehen des Wirtsorganismus, sondern auch an dessen Wachstum und Wohlergehen, >>der Lärm bringt ein neues System hervor, eine Ordnung von höherer Komplexität, als die einfache Kette sie hat.<<” (Methods to Survive net. / A. Picicci - “Noise Culture”)
…was bleibt ist die Suche nach dem Fehler, der nicht an dem “Weiterbestehen des Wirtsorganismus” interessiert ist.

Die visuellen Arbeiten scheinen für euch ebenfalls von großer Bedeutung. Stehen diese gleichberechtigt zu den auditiven Arbeiten? Bevorzugt ihr für bestimmte Themen eines der Medien?
Das Medium ergibt sich zumeist durch das Thema – es gibt keine bevorzugte Form.

Die neue Veröffentlichung knüpft teilweise an „electric pleasure“ an. Andererseits ist auch eine Zäsur spürbar. Empfindet ihr diese Ambivalenz auch?
Ja – das war die Hoffnung.

Auf der neuen Veröffentlichung befinden sich zahlreiche Tracks, auf denen andere Künstler mitgewirkt haben. Welche Erwartungen habt ihr an diese Zusammenarbeiten geknüpft und sind diese erfüllt worden?
Erwartungen können Dinge sehr kompliziert machen – es ergab sich alles sehr organisch, denn wir arbeiteten hierfür nur mit Freunden zusammen & so bewegten wir uns von Anfang an in einem klaren Rahmen. Mit den Resultaten sind wir sehr zufrieden, sonst wären sie auch nicht auf dieser Platte gelandet.

Wie gestaltet sich ein Aufnahmeprozess, wenn andere Künstler eingebunden sind, im Gegensatz zu einem Aufnahmeprozess „ohne fremde Beteiligung“?
In vielen Fällen wechseln verschiedene Sounds den Besitzer, denn die Musik für die letzte cd entstand fast ausnahmslos am Rechner. Es gibt also in der klassischen Form keinen Aufnahmeprozess, vielmehr einen Kommunikationsprozess.

Track 5 besteht aus Björk-Samples. Wie kam die Idee zu diesem Track?
Es ist nur 1 Björk-Sample dabei – ein Pop-Symbol. Die cd ist durchaus als Pop-Album gedacht & so sammelten wir verschiedene Samples aus eben diesem Bereich. Am Ende wurde klar, dass das Album einen weichen, fast freundlichen Charakter bekommen würde – eine Atempause – da blieb Björk übrig. (Ein Stück, zu dem es bald ein Video geben wird.)

Stehen in der nächsten Zeit weitere Veröffentlichungen eurerseits an bzw. wann werdet ihr live spielen?
Es werden in nächster Zeit 3 neue Platten erscheinen. Eine 10inch als Nachtrag zur „the audience is sleeping...“ cd, eine LP auf 90%wasser & „Dream Time“ auf Stateart – ein Mammut-Werk. Für den Herbst gibt es Pläne Live zu spielen – bislang aber nur im Ausland ... Polen, Australien, Österreich...etc...

Notiz (Column One): Das Interview wurde zusammengeschnitten aus verschiedenen Antworten von Jürgen Eckloff, Robert Schalinski & Andrew Loadman ...konkreter nachzulesen bei Foucault, Picicci, Ploog, Watzlawick, Burroughs etc...