"Robert
Schalinski, Rene Lamp und Jürgen Eckloff geben Auskünfte über
die Arbeit der Post-Industrialisten Column One, ein äußerst
vielseitiges Projekt, welches musikalisch heterogen und multimedial
zu Werke geht. Neben der Veröffentlichung von Tonträgern
steht die Arbeit in den Bereichen Performance, Ausstellung, Videokunst
und theoretische Aufklärung für Column gleichberechtigt
daneben." (Auf Abwegen)
Interview AUF
ABWEGEN/TILL KNIOLA 2004.
CO: Jürgen Eckloff, René Lam &, Robert Schalinski.
Die erste Veröffentlichung, die
ich von euch kannte, war die CD The Excellent Listener mit dem
blinden Mann vorne drauf, eine Art Sampler des methods to survive
network. Was steckt hinter der Idee von Methods To Survive.
RL: Auf der CD sind Aufnahmen aus dem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis,
plus einige Aufnahmen von uns selbst. Wir haben uns die Freiheit
genommen, aus den Beiträgen ein neues Ganzes zu machen. Wir
wollten möglichst unterschiedliches Material haben von verschiedenen
Leuten um das dann zusammenzubauen. Das war im Prinzip auch die
erste Idee, die wir in Richtung cut-up umgesetzt haben.
Das heißt, auch wenn das die erste
CD von euch war, so muss es ja schon dieses Netzwerk gegeben haben,
d.h. Column One hat schon vor dieser CD existiert?
JE: The Excellent Listener stellt zwar unsere erste CD dar, aber
es gab vorher schon andere Veröffentlichungen, wie zum Beispiel
die World Transmission 2 LP und die Dream-Box-Expirience LP, sowie
einige Tapes.
RS: Die Projekte, die bei der CD mitgemacht haben, kannten wir
schon mehrere Jahre. In erster Linie war uns allen klar, dass copyright
in der momentan praktizierten Form ein Witz war und keinerlei Beachtung
verdiente. Darüber hinaus sahen wir unsere Arbeit eingebunden
in einen Gesamtkörper aus vielen Fragmenten. Durch das Netzwerk
konnten wir dieses Ganze sichtbar machen.
Würdet ihr sagen, dass sich dieser Ansatz als Arbeitsprinzip
bei Column One gehalten hat? Drückt ihr mit jedem Release,
die ja oft thematisch eingegrenzt sind, einen Teil eines Ganzen
aus, was euch irgendwie vorschwebt oder wie funktioniert die Arbeit
an den einzelnen Projekten?
RS: Ja – im Prinzip kann man das wohl von jedem Künstler
sagen, denn letztlich entsteht ja immer ein Gesamtwerk, selbst
wenn der Künstler versucht das totale und endgültige
Kunstwerk mit einem Wurf zu kreieren. Zu jedem Zeitpunkt schieben
sich bestimmte Aspekte und Perspektiven in den Vordergrund ...unmöglich
zeitlos zu sein und zu bleiben. Es bleibt immer ein Puzzle – gewollt
oder ungewollt.
RL: Es ist uns schon klar, dass man mit einer Arbeit immer nur
einen bestimmten Aspekt eines Themas beleuchten kann, insofern
versuchen wir auch damit zu arbeiten, dass die Dinge, die in einem
bestimmten Zeitraum nacheinander umgesetzt werden, irgendwie zusammengehören.
Aber einen Masterplan gibt es nicht.
Wie kam der Kontakt zu Genesis P-Orridge zustande? Habt ihr
ihn praktisch als Fans kontaktiert?
RS: Ja, so war das. Es gab quasi einen Punkt, an dem es Sinn gemacht
hat, Genesis zu kontaktieren. Das war zu der Zeit, als er sein
Exhile/Exhileration Video veröffentlicht hat – unsere
CD Vis Spei bezog sich dann direkt auf das Video.
RL: Wir hatten damals in Potsdam eine Ausstellung mit begleitendem
Programm organisiert. Und an einem Abend haben wir eben auch dieses
Video im Rahmen einer Installation gezeigt. Und so ist die Idee
zur CD entstanden und da mussten wir ihn kontaktieren.
Und, wie war die Reaktion? Hattet ihr
das Gefühl, dass
er offen für eure Experimente war?
RS: Ich denke schon. Allerdings ist es bei P-Orridge auch so, dass
er bei vielen Veröffentlichungen die Zügel aus der Hand
gibt und das alles eher frei laufen lässt. Wir haben zwar
relativ viel über das Projekt kommuniziert, aber er hat dann
letztendlich an der Sache selbst nicht mitgearbeitet. Er hatte
mit seinem Sprachbeitrag seinen Teil dazu beigesteuert – zu
dem Zeitpunkt hatte er kein Interesse, noch irgendwie Musik abzuliefern.
Seid ihr denn noch in Kontakt?
RS: Ja. Wir wollen auf 90% Wasser eine alte Psychic TV-Livescheibe
rausbringen. Einen Mitschnitt von 1985 aus Bochum, Zeche.
Wer macht den Kern von Column One eigentlich
aus, da das Projekt ja schon öfters personellen Veränderungen unterliegt.
Könnte im Prinzip einer von euch mit einer Soloscheibe vorpreschen
und sagen, ich bin jetzt Column One?
RS: Ja, das wäre möglich, aber das ergab sich bisher
nicht – oder es würde keiner merken. Im Moment ist es
schon so, dass wir drei relativ eng an allen Sachen zusammen arbeiten
und das bei allen Column One Releases der letzten Zeit zumindest
immer einer von uns dabei war. Die Referenz des anderen ist für
den eigenen Prozess wichtig. Wir sind eben keine Band – wir
organisieren uns immer neu, um die verschiedenen Projekte zu realisieren.
So entstehen keine personellen Verpflichtung, wie das bei Projekten
mit fester Besetzung der Fall ist.
Was ist für euch das interessante an cut-up und ist die
Technik immer noch relevant für eure Arbeit jetzt?
JE: Abgesehen von der technischen Seite ist cut-up ein Muster,
was man in der Wahrnehmung findet, dadurch, dass man parallel verschiedene
Dinge wahrnimmt und die sich vermischen. Es gibt dann immer Überschneidungen.
Für mich ist cut-up von daher fast schon ein notwendiger Ausdruck,
für das, was wir machen – Dinge zusammenzufügen.
RS: Mit cut-up als Technik kannst du ja die zeitliche Abfolge von
Dingen beeinflussen... Strukturen sehr grundlegend verändern.
Du kannst entweder sehr chaotisch arbeiten, oder die Fragmente,
mit denen du hantierst kontrollieren und selber die Abfolge steuern.
Wir arbeiten z.b. seit geraumer Zeit an Filmschnipseln, die wir
wöchentlich bearbeiten und austauschen. Kleine Filme die immer
wieder auf das selbe ..oder sich nur langsam veränderndes
Ausgangsmaterial zurückgreifen. Wir fügen die Teile in
neuen Kombinationen zusammen und so zerfällt das Ausgangsmaterial
in seine mehr oder weniger manipulativen Grundelemente. Im Endeffekt
entstehen so die Kurzfilme für die Sibirische Zelle.
Was Jürgen beschrieben hat, ist ja eher der heutige Ist-Zustand.
Cut-up als literarisches Genre war aber stark manipulativ ausgerichtet,
es ging doch da auch darum, Bedeutungen verstümmeln und z.B.
die Syntax zu zerbrechen, um somit Raum für neues zu schaffen.
Interessiert euch das auch, also quasi cut-up als Ideologie?
RL: Klar, sehr stark.
Braunserver, der aus Werbespots collagierte
Film erinnert mich zum Beispiel stark an die Anfänge des cut-up.
RL: Es geht sicher auf cut-up zurück, obwohl Braunserver an
sich sehr kontrolliert ist und es geht auch nur begrenzt um die
Zerstörung der Syntax. Das Gefühl habe ich eher bei Jürgens
Sprach-Cuts, da geht es bewusst um eine Zerstörung von Bedeutungszusammenhängen.
Aber, indem man etwas aufbricht schafft man ja gleichzeitig einen
neuen Sinn und dieses Spiel ist schon eine starke Grundlage unserer
Arbeit überhaupt, das stimmt schon.
JE: An der Arbeitsweise fasziniert uns, wie es ja ach bei den traditionellen
cut-up Sachen war, das man Punkte miteinander verknüpft, die
normalerweise nicht zusammengebracht werden und die dann etwas
Neues generieren können im Kopf des Betrachters.
RL: Manchmal musst du auch einfach nur einen Teil der Information
weglassen und schon bekommt alles eine ganz andere Bedeutung.
RS: Formal ist es natürlich ein großer Unterschied zu
den Syntax-Zerschneidern von damals und heute. Cut-up als Form
ist ja heute in ganz anderer Weise eingeführt, es ist ja eine
gängige Form in der Unterhaltungsindustrie zum Beispiel. Von
daher ist es wichtig zu gucken, wo man ansetzt und dass man eben
nicht nur formell etwas zerlegt, sondern die dahinterliegenden
Informationen und Strukturen auch mit greift. Das ist momentan
etwas, was wir in unseren Konzerten aber auch in den Veröffentlichungen
versuchen, eben auch die Strukturen mitzunehmen. Das muss an der
Oberfläche dann nicht immer nach klassischem cut-up aussehen...
Geht es in dem Teil eurer Performance – „Kleine
Schwester“ – wo es diesen Film gibt, zu dem ein junges
Mädchen sich in aufreizenden Posen bewegt, auch um dieses
Mitnehmen von tieferen Strukturen. Das Material geht ja ganz schön
unter die Haut. Wollt ihr das mal kommentieren?
RL: Inhaltlich geht es in dem Stück um Kindesmissbrauch. Der
Performance Teil (zu o.g. Film wurde ein in Frauenkleidern steckender
Darsteller von den anderen Akteuren mit Dreckbrei beworfen und
diffamiert – Anm. d. V) stellt den Versuch dar, sich dem
Thema adäquat zu nähern und auf eine bestimmte Struktur
zu verweisen, denn ich denke schon, dass es sich um ein gesellschaftliches
Problem handelt. Ich glaube, dass durch die ganze Konditionierung,
die wir in Bezug auf Sexualität und Erotik erfahren es immer
wieder zu so Querschlägern kommt, bei denen der Schalter im
falschen Moment umgelegt wird. Es braucht dann nur einen kleinen
Anstoß und dann haut die Rechnung schon nicht mehr hin und
es kommt zu einem Ausbruch von Gewalt.
das beschreibt der Film in der Performance
ja auch, dass es diese Spirale gibt und dass es immer aggressiver
gehandhabt wird, wie Kinder und junge Menschen lernen, durch die
Muster die angeboten werden, sich selbst körperlich zu entdecken. Es wird ja immer
offensiver, wie früh junge Kinder als „sexy“ dargestellt
werden. Umgekehrt ist es natürlich gruselig und gesellschaftlich
wie breit das Vergehen des Kindesmissbrauchs gestreut ist....
RS: Es ist ja auch eine Sache, die stark offeriert wird. Die Schönheitsideale
gehen sehr stark in die Richtung „unter 18“. Obwohl
das Delikt von der Gesellschaft natürlich schon lange verfolgt
und es in den Medien mit voyeuristischen Mitteln ausgeschlachtet
wird, soll doch immer suggeriert werden, dass es gleichzeitig das
schlimmste ist, ein Kind zu missbrauchen. Umgekehrt werden die
propagierten Schönheitsideale möglichst dicht an diese
Sache herangedrängt.
Aber ist das denn nicht auch die Falle,
in die oft getappt wird, dass entlang der Linien argumentiert wird „sie brauche
sich nicht zu wundern, schließlich habe sie ja einen sehr
kurzen Rock angehabt“. Will sagen: auch wenn gesellschaftlich
diese Schönheitsideale produziert werden ist dies doch noch
lange keine Berechtigung, sich dort einfach zu bedienen, oder?!
RL: Nein natürlich nicht! Es ist aber ein Teil des Problems,
dass diese Ideale immer aggressiver propagiert werden.
RS: ...und diese unklare Situation/dieses bewusst geschürte
Bild, sexy 14 Jährige auf der einen und Kindesmissbrauch als
Verbrechen auf der anderen Seite, erzeugt doch gerade diese Suggestion,
die das Gehirn zum zucken bringt. Dieser Zustand, der uns alle
so gut manipulierbar macht und der die Geschlechter sich wie fremde
Feinde gegenüberstehen lässt.
Was du als „die Falle“ bezeichnet hast („sie
brauche sich nicht zu wundern, schließlich habe sie ja einen
sehr kurzen Rock angehabt“.) umschreibt doch nur wie ungleich
die Situation ist. Den ganzen Tag werden wir umspült von Parolen
und Suggestionen... dass unser Leben doch nur einen Sinn bekäme,
wenn wir die Pfirsichhaut eines Baby-Popos hätten.... usw
...aber um uns, die wir diskutieren(wie du sagst), geht es dabei
ja leider nicht vordergründig, denn wir gehören quasi
zu den Machern, zu den „Halbintellektuellen“ die die
Parolen machen ...und die sich dann in dem entscheidenden Moment
aus der Diskussion nehmen, denn die moralische Verantwortung und
Frage wurde von uns ja schon längst geklärt ...denn nur
die „Idioten“ bedienen sich. Den Menschen wird doch
permanent mit einer nackten, geilen Frau vor der Nase herumgewedelt
und in dem Moment wo man(n) zugreifen will ist die Frau vertauscht – mit
einem Videorecorder, eim Auto etc. etc. ...natürlich will
man(n) dann auch endlich mal die Frau erwischen. Die „kurzeRockzugreifSituation“ ist
von langer Hand geplant.
(zurück zum Video)
JE: Ich denke nicht, dass es in unserem Stück so sehr um den
Tatbestand des sexuellen Missbrauchs geht. Der Missbrauch von Kindern
fängt ja viel viel früher an. In Familien ist die Position,
die Kinder da haben, oft eine Rolle die sie einnehmen, die eine
Form von Missbrauch darstellt. Das süße Kleine, das
ein Kleidchen angezogen bekommt, das den Eltern gefällt. Hier
passiert ja eine Belegung und zwar durchaus auf erotischer und
sexueller Ebene. Das ist für mich der grundlegendere Missbrauch:
einerseits das Kind als dummes Ding zu sehen, dem, man die Welt
erklären muss, und andererseits es mit sexuellen Attributen
zu versehen. Das Kind hat dann durchaus eine Befriedigungsfunktion
innerhalb der sozialen Gruppe. Die sexuellen Übergriffe sind
dann oft die Folge von Mustern und Rollenzuweisungen, die es gibt.
Eigentlich geht es in unserer Dream Time-Arbeit genau um diese
grundlegenden Muster und Rollen, die dann so verstümmelte
Sexsachen entstehen lassen.
RS: Es geht insofern nicht um den konkreten Akt sondern um den
Zustand davor. Um die Suggestion und die Verarbeitung derselben.
Den Akt selber kann man auch nur sehr schwer kritisch aufgreifen,
denn das birgt glaube ich die Gefahr, dass man wiederum neue Suggestionen
säht, wie es ja zum Beispiel durch viele TV Reportagen passiert.
ich finde trotzdem, dass es ein Themenkomplex
ist, der auch durch die Tabuisierung und das Leid kaum zulässt,
dass man nicht klar Stellung bezieht, im Sinne einer Meinung. Wie
waren die Reaktionen auf die Performance bisher?
RS: Ich finde schon, dass wir mit „Dream Time“ Stellung
beziehen. Mir persönlich geht es außerdem so, dass ich
so stark mein Gefühl dagegen in mir trage, dass ich mir gar
nicht mehr vorstellen kann, dass ich das noch sagen muss.
RL: Bei der ganzen Suggestion wird ja immer die Gefährdung
nie mitgedacht. Es wird gegen konkrete Fälle von Missbrauch
angegangen, aber eine grundsätzliche ethische Verantwortlichkeit
ist nicht zu erkennen. Da wird nicht drüber nachgedacht. Wir
werden das ganze Thema in einem Release abarbeiten, da wird es
eine Doppel-CD und ein Video geben.
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